Arno Gruen: „Ich will eine Welt ohne Kriege“

Warum neigen manche Menschen zu Gewalt und Krieg oder lassen sich zum Mitmachen verleiten, während andere, von Mitgefühl und Menschlichkeit geleitet, sich dem verweigern?

Der 2015 verstorbene deutsch-schweizerische Psychologe, Psychoanalytiker, Schriftsteller und Geschwister-Scholl-Preisträger ARNO GRUEN hat in seinem bereits 2006 erschienen Buch „ICH WILL EINE WELT OHNE KRIEGE“ überzeugende Antworten gefunden.

Entscheidend sind demnach die frühkindlichen Erfahrungen sowie die kulturellen Werte, die uns geprägt haben. Die wechselseitig sich durchdringenden individuell-psychischen und gesellschaftlich-kulturellen Gründe müssen verstanden werden, wenn die menschliche Entwicklung statt in eine gewaltsame in eine friedliche Richtung gehen soll.

Dazu kann uns Gruens Buch helfen. Er richtete es an all jene, die sich nicht damit abfinden, dass es Gewalt und Kriege gibt. Jeder kann dazu beitragen, sie zu verhindern.

Im Folgenden sind einige zentrale Gedanken wiedergegeben:

„Die Quelle von Feindseligkeit und Gewalt liegt in einer Kultur, die Leistung und Besitz über alles stellt und es Menschen kaum möglich macht, ein Selbst zu entwickeln, das auf Vertrauen und Mitgefühl beruht. Nur wenn wir die komplizierten wechselseitigen Verflechtungen von gesellschaftlicher Struktur und individuellen Lebensgeschichten berücksichtigen, können wir verstehen, warum Gewalt allgegenwärtig ist.“

„Was die Welt vor Gewalt und Terror bewahren kann, sind nicht moralische Appelle und politische Bekenntnisse. Nur durch das Mitfühlen mit anderen, mit ihrem Schmerz, den sie durch Demütigung, Erniedrigung und Gewalt erleben, lassen sich Diktatoren und Kriege verhindern. Dieses Mitgefühl können wir aber nur aufbringen, wenn wir auch einen Zugang zu unserem eigenen Schmerz finden.“

„Wenn Kindern ein behütender und emotional zuverlässiger Rahmen fehlt und sie von ihren Eltern missachtet werden, kommt in ihrem Inneren ein fataler Prozess in Gang, der ihr ganzes weiteres Leben bestimmt: … beginnt das Kleinkind, sich selbst und seine Bedürfnisse und Wahrnehmungen abzulehnen, so wie es ja auch seine Eltern tun. Es beginnt, stattdessen ein falsches 'Selbst' zu leben, das nicht sein eigenes ist, das jedoch den Erwartungen seiner Eltern entspricht. Diese Verleugnung und Abspaltung des Eigenen wird im Weiteren sein Leben und seine Beziehungen prägen.

… dieser zentrale Moment der menschlichen Entwicklung … ist entscheidend dafür, ob wir unser Leben in Frieden oder Feindschaft mit anderen führen.“

„MÄNNLICHKEITSWAHN UND HELDENMYTHOS

Gewalt gilt vielen immer noch als Ausdruck von Stärke und männlicher Heldenhaftigkeit. Dahinter jedoch stehen die Angst und die Schwäche von Menschen, die nie sie selbst sein durften und deshalb Töten mit Lebendigsein verwechseln. Wenn es überhaupt so etwas wie 'Heldenhaftigkeit' gibt, dann ist sie bei solchen Menschen zu finden, die auch im Krieg den Mut hatten, zu ihren Gefühlen zu stehen und dem Druck zu sinnlosem Töten zu widerstehen. Studien belegen, dass es in Kriegen solche Menschen gegeben hat. Sie sind nicht nur eine Hoffnung für den Frieden, sondern widerlegen auch die Behauptung, der Mensch sei von Natur aus ein von bösartiger Aggression getriebenes Wesen.

Im amerikanischen Bürgerkrieg haben etwa 80 Prozent der Soldaten nie ihre Flinte abgefeuert. Für diese Menschen verstieß das Töten gegen innere Vorbehalte. Im Vietnamkrieg beteiligten sich etwa ein Fünftel der Soldaten nie an Folterungen, Vergewaltigungen und der Ermordung von Zivilisten und Kriegsgefangenen. Wie sich bei Untersuchungen herausstellte, waren dies Männer, die ihre eigenen Ängste akzeptierten, die es nicht nötig hatten, ihre Männlichkeit unter Beweis zu stellen, und die immer bereit waren, anderen zu helfen. Ganz anders die sogenannten Green Berets. Diese US-Eliteeinheit war in Vietnam für ihre besondere Härte und Grausamkeit bekannt. Der Forscher David Mark Mantell untersuchte die Lebensgeschichte dieser Soldaten und verglich sie mit der von Kriegsdienstverweigerern. Er kam zu eindeutigen Ergebnissen: Die Kriegsdienstverweigerer waren mit Eltern oder Bezugspersonen aufgewachsen, die sie in ihrem Kindsein weitgehend akzeptierten. Im Gegensatz dazu hatten die Green Berets eine ausgesprochen autoritäre Erziehung mit massiver körperlicher Gewalt erfahren. Feingefühl wurde von den Eltern verachtet, das Bedürfnis nach Zärtlichkeit als Schwäche bestraft. Es gab keine mitfühlende Emotionalität, die Jungen waren vielmehr einem überwältigenden System 'moralischer' Regeln unterworfen. Die Eltern hatten Gehorsamkeit und Konformität erwartet und mit harten Strafen durchgesetzt. Die Jungen wuchsen zu beruflich erfolgreichen Männern heran, deren extremer Gehorsam sich im Vietnamkrieg zur blinden Befehlsunterwerfung steigerte. Für die furchtbaren Vergehen, die sie dort auch an Frauen, Kindern und alten Menschen begangen hatten, fehlte ihnen jedes Gefühl von Schuld, Scham und Verantwortung.

Kinder, denen man die Möglichkeit nimmt, ihre eigenen Wahrnehmungen und ihre Bedürfnisse nach Wärme und Liebe zum Kern ihrer Persönlichkeit zu machen, neigen auch als Erwachsene dazu, sich anzupassen und zu unterwerfen. Unterschwellig jedoch sind sie von Wut und Hass auf alles Lebendige erfüllt. Ihre Gewaltbereitschaft lässt sich schnell aktivieren, wenn ihnen passende Feindbilder angeboten werden. Auch die Nazis waren geprägt durch eine autoritäre Erziehung, in der Disziplin und Gehorsam oberste Prinzipien waren und Zärtlichkeit als Schwäche abgelehnt wurde.

Kulturen wie die der Eipos oder der Montagnais-Maskapis-Indianer brachten ihren Kindern dagegen Vertrauen und Wertschätzung entgegen. So konnten sich diese in ihrem Wesen geliebt und anerkannt fühlen. Wenn dagegen das Eigene von Kindern abgewertet und unterdrückt wird, sind Feindseligkeit und paranoide Tendenzen die Folge. Solche Menschen fühlen sich nur wirklich lebendig, wenn sie zerstörerisch sein können, sei es durch direkte oder indirekte Gewalt.“

„DIE WURZELN DER UNMENSCHLICHKEIT

Für die meisten von uns ist es schwer vorstellbar, dass Menschen, die eigentlich ganz normal wirken, ohne das geringste Mitgefühl und ohne Reue einen anderen quälen und sogar töten können. Wir glauben, jeder Mensch sei ansprechbar für moralische Werte, mitmenschliche Gefühle und vernünftige Argumente. In Wahrheit jedoch 'funktionieren' Menschen, die durch ihre frühesten Erfahrungen zum 'Unmenschen' gemacht wurden, nicht nur in psychologischer, sondern auch in physiologischer Hinsicht ganz anders. Auch wenn sie überzeugend die Maske der Menschlichkeit tragen, fehlt ihnen jedes moralische Empfinden und jedes Gefühl für andere.

Unmenschlichkeit ist das Ergebnis einer Sozialisation, in der die Gefühle und die empathischen Fähigkeiten eines Kindes verachtet und als Schwäche abgetan werden. Ein Kind, das in einer solchen traumatischen Situation aufwächst, muss sich immer mehr von seinem Eigenen distanzieren und dieses als etwas Fremdes ablehnen.

Wenn eine Mutter ihren Säugling liebevoll umhegt und einfühlsam auf seine Bedürfnisse eingeht … Eine solche Bindung, in der die Bedürfnisse des Kindes und nicht die der Eltern im Vordergrund stehen, fördert die Entwicklung empathischer Vorgänge. Diese werden zur Basis des kindlichen Selbst. Das Kind kann sein eigenes Erleben als Teil seiner Identität integrieren und muss es nicht als ungeliebt abspalten.

Etwas ganz anderes geschieht, wenn Eltern nicht adäquat auf die kindlichen Bedürfnisse eingehen. Die empathischen Fähigkeiten werden unterdrückt und können sich nicht entwickeln. Das Kind gerät in einen Zustand von Hilflosigkeit, Wut und ständiger Anspannung. Dieser extreme Stress kann nicht bewältigt werden. Um psychisch zu überleben, muss dieses Kind seine Gefühle aus seinem Erleben verbannen und abspalten. Das gilt vor allem für das Erleben von Schmerz und Verzweiflung. Für solche Kinder sind Schmerz und Leid so groß und überwältigend, dass sie nur durch ein völliges Ausschalten und Abspalten dieser Gefühle überleben können. ...

Solche Menschen sind ihr Leben lang auf der Flucht vor allem, was diesen Schmerz wieder zum Leben erwecken könnte. Aus diesem Grund sind sie auch nicht in der Lage, ihn bei anderen Menschen empathisch wahrzunehmen und mitzufühlen. Im Gegenteil: Was bei einem 'normalen' mitfühlenden Menschen Verständnis, Anteilnahme und Zuneigung auslöst, weckt in ihnen die Mordlust. Sie müssen töten, was in ihnen menschliche Gefühle auslöst. Vor dieser Tatsache dürfen wir nicht die Augen verschließen, wenn wir es ernst meinen mit unserem Bemühen um Frieden. Es ist unser Umgang mit dem Schmerz, der darüber entscheidet, ob die menschliche Entwicklung eine destruktive oder eine friedliche Richtung nimmt.“

„Unsere Gesellschaft blendet die alltägliche Realität des Leidens meistens aus. Schmerz, ob physisch oder psychisch, wird ... in einer auf Leistung, Größe und Kraft fixierten Welt als unliebsame Schwäche betrachtet. … Wenn Eltern schmerzhafte Gefühle ihres Kindes als unberechtigt oder unwahr abtun, bleibt dem Kind nichts anderes übrig, als sich von seinen Gefühlen zu distanzieren. Es muss sich in seinen Schmerzen als Schwächling sehen und fühlen und sich dafür schämen.“

„... Kriege nur möglich sind durch ein Zusammenspiel von Menschen, die auf Größe, Macht und 'männliche' Stärke fixiert sind … hat diese Fixierung ihren Ursprung in einer Verleugnung des Schmerzes, die diese Menschen in frühester Kindheit durch die Entfremdung von ihrem eigenen Selbst erfahren haben“

„WAHRE STÄRKE BRAUCHT KEINE MACHT

Wahre Kraft entsteht durch das Erleben von Leid und Schmerz. Nur durch Leid und Schmerz lässt sich erfahren, dass Sicherheit ein Zustand in uns selbst ist, eine innere Kohärenz, die auch dann bestehen bleibt, wenn wir schwach und hilflos sind.

Dieses Gefühl, das auf einem Sich-selbst-Sein beruht, kann ein Mensch nur entwickeln, wenn er als Kind liebevoll in seinem Schmerzerleben begleitet wurde. Nur durch eine solche einfühlsame und teilnehmende Begleitung ist es dem Kind möglich, seinen Schmerz zu erleben und die Erfahrung zu machen, dass dieser nicht tötet. Erst aus diesem Erleben erwächst ein Gefühl der Stärke, das von Dauer ist und sich nicht immer wieder im Wettstreit mit anderen beweisen muss. Eine solche innere Kraft ist wiederum Grundlage für unsere Fähigkeit, am Mitgefühl für andere festzuhalten. Gleichzeitig verstärkt unsere Fähigkeit zum Mitgefühl auch unsere innere Kraft. Wir erfahren auf diese Weise, dass wir anderen etwas geben können und dass auch Altruismus eine Quelle der Kraft ist.“

„Selbstlos sein meint …, ein falsches Selbst aufzugeben, das auf Macht und Erfolg, auf körperlicher Schönheit, Konkurrenz und intellektueller Brillanz beruht. Nicht Größenwahn, sondern Mitgefühl als die Fähigkeit, den Schmerz anderer zu teilen und sich der Liebe zu öffnen, gibt dem Leben Sinn.“

„Die Quelle von Feindseligkeit und Gewalt liegt in einer Kultur, die Leistung und Besitz über alles stellt und es Menschen kaum möglich macht, ein Selbst zu entwickeln, das auf Vertrauen und Mitgefühl beruht. Nur wenn wir die komplizierten wechselseitigen Verflechtungen von gesellschaftlicher Struktur und individuellen Lebensgeschichten berücksichtigen, können wir verstehen, warum Gewalt allgegenwärtig ist.“

„UNSERE KULTUR FÖRDERT DIE GEWALT

Unsere Kultur macht es Menschen sehr schwer, ein eigenes freies Selbst zu entwickeln, weil sie das innere Erleben abwertet und Äußerlichkeiten wie Besitz und Status zum Maßstab des persönlichen Selbstwertes erhebt. Gleichzeitig sind in dieser Kultur Gewalt, Dominanzstreben und Rivalität als 'positive' menschliche Qualitäten verankert. … Wer im Konkurrenzkampf um Status und Besitz gewinnt, darf sich als stark und bedeutungsvoll erleben. Die 'Verlierer' jedoch, die sich – aus welchen Gründen auch immer – keinen Anteil sichern können, werden als unbedeutend und weniger wert angesehen. Menschen, die kein starkes Inneres haben und deren Selbstgefühl deshalb von solchen hierarchischen Zuschreibungen abhängig ist, brauchen sowohl Feindbilder als auch mächtige Identifikationsfiguren, um Selbsthass und Minderwertigkeitsgefühle zu betäuben, die auf Grund ihrer Sozialisation in ihnen lauern und die wieder erweckt werden, wenn sie Demütigungen und gesellschaftliche Abwertung erfahren.

Das ist der Kern des Problems: Alle Menschen, die Gewalt und Krieg suchen oder sich zum Mitmachen verleiten lassen, sind abgeschnitten von den Möglichkeiten eines Selbst, das auf eigenem inneren Erleben und dem Mitgefühl mit anderen basiert. Sie brauchen Helden, mit denen sie sich identifizieren können, oder sie müssen sich selbst zum Helden machen, indem sie andere verletzen und töten.

Wenn Menschen weder aus ihrem Inneren noch durch äußere Gratifikationen ein Gefühl von Bedeutung entwickeln können, lassen sie sich leicht zu Werkzeugen von Psychopathen machen, deren ganzes Streben auf Tod und Vernichtung ausgerichtet ist. Wie ich bereits aufgezeigt habe, handelt es sich bei solchen 'Führern' selbst um Menschen, denen man in ihrer Kindheit tiefe Verletzungen und Abwertungen zugefügt hat. Anzeichen für solche Erfahrungen lassen sich in der Biographie Hitlers wie auch in den frühen Lebensgeschichten von George W. Bush und Osama bin Laden feststellen.

Solchen Menschen geht es immer darum, sich selbst als grandios und unbesiegbar und andere als minderwertig und vernichtenswürdig zu erleben. Macht zu inszenieren ist deshalb ihr ganzer Lebenszweck. Die Größenphantasien, die sie dabei hervorbringen, ziehen andere an, die ihnen beitreten, um ihr eigenes inneres Vakuum zu füllen. ...

In Krisenzeiten wächst die Gewaltbereitschaft. Dies ist die Stunde für politische Führer, die – unter dem Vorwand, für die Gesellschaft nur das Beste zu wollen – die Erlaubnis erteilen, Hass und Verachtung gegen soziale Gruppen zu richten, die angeblich für die Missstände verantwortlich sind. So werden Ausländer diskriminiert, Arbeitslose als 'faul' beschimpft und selbst Kranke und Alte zum gesellschaftlichen Problem degradiert.

Auf diesem Weg lassen sich Menschen für Kriege mobilisieren. Es müssen nur glaubwürdig ein Feindbild und die Ideologie einer 'gerechten Sache' aufgebaut werden. Durch die Hingabe an die abstrakte Idee, eine reine und erhabene Mission zu erfüllen, werden die Grenzen des Ichs aufgeweicht: der Mensch fühlt sich größer und zugleich hingebungsvoll, weil er sich bereit erklärt, einer Idee zu dienen, die größer als sein Selbst ist.

Das Bindeglied, das Menschen dazu veranlasst, machtbesessenen Führern und ihren Ideologien zu folgen, ist eine allgemeine Gehorsamkeitsbereitschaft, zu der wir alle erzogen wurden. Wir fühlen uns wohl, wenn wir einem starken Menschen folgen. Das gibt uns nicht nur Halt und Orientierung. Die Identifikation mit Macht und Stärke vermittelt ein Gefühl von Bedeutung und Sinnhaftigkeit. So kommt es immer wieder zu der paradoxen Situation, dass ausgerechnet Benachteiligte solche politischen Führer wählen, die nur Verachtung für sie übrig haben und deren Programm ihre Situation noch verschlimmert.“

„WAS KÖNNEN WIR TUN?

Kriege können verhindert werden, und ich glaube, es ist einfacher, als wir denken. Denn viele von uns haben noch Träume, die mit unserer Sehnsucht nach menschlicher Verbundenheit zu tun haben. Diese Träume, die tief aus unserem Inneren kommen, können uns eine Hilfe sein, denn sie tragen dazu bei, die Wahrheit zu erkennen und stärken den Mut, unser Mitgefühl zum Maßstab unseres Handelns zu machen. Denn darum geht es: an dem Glauben an das Gute im Menschen festzuhalten.

[In diesem Sinne] schreibt der Dalai Lama [dass] ... 'die Pflege von Liebe und Mitgefühl, unsere Fähigkeit, in das Leiden eines anderen einzutreten, um es zu teilen, die Grundlage für das weitere Überleben unserer Spezies ist.'

Wenn wir begreifen, dass wir alle miteinander verbunden und voneinander abhängig sind, werden wir Gewalt unmöglich machen. Es sind unsere Gemeinsamkeiten, die uns der Liebe und nicht dem Krieg entgegenführen. Die Gefahr besteht jedoch, dass uns propagandistische Tricks davon abhalten, diese Gemeinsamkeiten zu sehen. Wenn George W. Bush auf einen Krieg gegen den Terror pocht, statt dessen Hintergründe anzugehen, dann lenkt er von wahren Problemen ab und gibt uralten Ängsten, die aus unserer Kindheit stammen, Gestalt. …

So werden wir von der Wirklichkeit ferngehalten. ... So bemerken wir nicht mehr, was man uns antut und dass die größte Militärmaschine der Weltgeschichte mit ihrer tödlichen Technik an die Rhetorik einer Christlichkeit gekettet ist, die genauso fundamentalistisch ist wie der Islamismus der terroristischen Gegenspieler. Und beide Seiten kämpfen im Namen des 'Guten gegen das Böse' ...

Wenn es uns nicht gelingt, an der menschlichen Fähigkeit des Mitgefühls festzuhalten, dann wird uns der Irrsinn der Fundamentalisten – egal welcher Couleur – einholen und zerstören. Es bleibt uns keine andere Wahl, als uns auf unser Herz und unser Mitgefühl zu besinnen. ...

Nach meinen Vorträgen werde ich häufig gefragt, was wir denn tun können, um unser Herz zu öffnen und unser Mitgefühl zu stärken. … Ich antworte dann immer, dass mitfühlende Tendenzen, die wir ja alle in uns tragen, gefördert werden, wenn wir unser Erleben mit anderen Menschen teilen. Wir selbst erfahren dadurch eine Stärkung, und anderen wird der Mut gegeben, sich auf ihre empathischen Wahrnehmungen von Leid und Schmerz zu verlassen. ...

Wir brauchen deshalb den Dialog mit Menschen, die Güte, Aufrichtigkeit und Uneigennützigkeit besitzen und offen dafür sind, das Eigene zu erkennen und zu fördern. Es müssen Menschen sein, deren Werte sich nicht an Macht, Erfolg und Geld orientieren und die deshalb zu einer Geisteshaltung fähig sind, die einen inneren Frieden herbeiführt. Es sind Menschen, die keine Angst vor dem Anderssein haben und die frei sind von Anpassungsdrang. Nur so lässt sich zum Eigenen finden, das auf Mitgefühl basiert."

Aus: Arno Gruen, Ich will eine Welt ohne Kriege, Stuttgart 4. Auflage 2016