Internationale Friedensfabrik Wahnfried/Wolfgang Lieberknecht https://www.internationale-friedensfabrik-wanfried.org/post/%C3%BCberf%C3%A4lliger-appell-an-die-politik-waffenstillstand-jetzt-verhandlungen-zur-beendigung-des-krieges

Meinung:Die Logik der Eskalation, auf die sich der Westen eingelassen hat, wird immer mehr zum Problem. Wie schwer sollen die Waffen werden, die wir liefern?

Jakob Augstein/ Freitag- Ausgabe 19/2022

https://www.freitag.de/autoren/jaugstein/die-lieferung-schwerer-waffen-an-die-ukraine-wird-immer-mehr-zum-problem

eine persönliche Streitschrift von Frieder W. Bergner

Daß ich Pazifist wurde („Lumpenpazifist“ wie jüngst ein selbstverliebter, westdeutscher Internetkasper für eine üppige SPIEGEL-Gage geiferte), verdanke ich drei längst vergangenen Begebenheiten.
Die erste war eine ganz kleine Tragödie, die ich als ganz kleiner Mensch von 5 Jahren erlebte.

Später dann, in meiner Oberschulzeit, lernte ich einen außergewöhnlichen Pfarrer kennen, von dem ich viel übers Leben lernte.
Das dritte Erlebnis waren schreckliche 18 Monate Militärdienst, die mir gleich nach dem Abitur aufgezwungen wurden.

Die kleine Tragödie erzählt sich leicht: 1959 fuhr meine Familie aus Sachsen auf Besuch zu Tante und Onkel in den Westen. Der Anlaß wird wohl ein Familienfest gewesen sein, denn dort in Fulda, bei Onkel, Tante, Cousin und Cousinen, gab es auch noch anderen Besuch, eine flämische Familie aus Izegem.

Mein Fuldaer Onkel Hans hatte Gabriel, den flämischen Familienvater kennengelernt, als er in Kriegsgefangenschaft von ihm bewacht wurde. Gabriel war Soldat in der belgischen Armee gewesen, und Onkel Hans war als junger Wehrmachtshauptmann mit schlimmen Verwundungen, von seinen Kriegserlebnissen vollkommen desillusioniert und schwer traumatisiert (würde man heute sagen) in die Krankenstation eines flandrischen Gefangenenlagers geraten.

Die zwei ehemaligen Kriegsgegner waren sich wohl sympathisch. Sie führten dort im Lager nächtelange Gespräche und es erwuchs zwischen ihnen eine Freundschaft, die bis ins hohe Alter hielt.
Im Nachhinein für mich eine der bewegenden, menschlichen Geschichten, wegen derer ich mich traue, Hoffnung in die Utopie Europa zu setzen.

Nun feierten wir in Fulda meinen 5. Geburtstag, und der fremde „Onkel“ aus Belgien schenkte mir einen Zündblättchenrevolver. Für junge LeserInnen erkläre ich: Das war ein Cowboyrevolver, mit dem man sich wie der gute Sheriff aus dem Ami-Western fühlen und mittels einlegter Schießpulverblättchen richtig laut knallen konnte.
Leider war der Stolz des Ostkindes auf solch ein tolles Westspielzeug nur von kurzer Dauer. Onkel Hans nahm mir den Colt weg und verkündete kategorisch, daß „Waffen bei ihm nicht mehr ins Haus kämen“.
Ich begriff gar nichts, weinte bittere Tränen und behielt diesen Spruch im Gedächtnis. Etwa zehn Jahre später dann brachte mich ein thüringischer Pfarrer zum Nachdenken darüber .
Wer heute an Walter Schilling erinnert, nennt ihn gern eine Ikone des Widerstandes gegen die SED-Diktatur. Jahrelang war er als Kreisjugendpfarrer wegen seiner regimekritischen Botschaften der Obrigkeit ein Dorn im Auge. 1974 dann warf ihn ein Thüringer Landesbischof aus dem Amt, weil er in seinem Jugendheim einen Wehrdienstverweigerer vor Stasi und Volkspolizei versteckt hatte.
Vorher aber saß ich, der Oberschüler, nächtelang in Schillings Rüstzeitheim mit anderen Jugendlichen bei spannenden Diskussionen über die Welt und Gott (meist in dieser Reihenfolge) zusammen. Außerdem wurden Tonbänder (!) mit Musik von Jimi Hendrix, The Cream und Captain Beefheart gehört und danach, in den Schlafsälen, nach Herzenslust geknutscht. All das durften wir dort, Walter Schillings Heim war ein geistig exterritorialer Ort mitten in der DDR.

Und Walter war ein begnadeter Pastor, denn in unseren Diskussionen landeten wir tatsächlich fast immer irgendwann – für uns Teenager ganz unmerklich – bei dem, was in der Kirche der Erwachsenen die Botschaft Jesu Christi genannt wurde.
Also bei Sascha Lobos „Lumpenpazifismus“.
Kein Wunder, daß ich in diesen Rüstzeitnächten zum Rüstungsgegner wurde und den Vorsatz faßte, den Wehrdienst mit der Waffe zu verweigern. Meine Eltern jedoch, aus verständlicher Sorge um den weiteren Bildungsweg ihres Jüngsten, überzeugten mich schließlich, diese anderthalb Jahre Pflichtwehrdienst einfach „über mich ergehen zu lassen“, um danach ungehindert studieren zu dürfen.

Aber, ach, sie ahnten nicht ansatzweise, wozu sie mich überedet hatten.
Ich geriet, bisher ein wohlbehüteter Junge von gerade mal 18 Jahren, in das Inferno von Gewalt, Nötigung, Mißbrauch und ekelhafter Bevormundung, welches in der DDR „Ehrendienst mit der Waffe“ genannt wurde.
Vom ersten Tag in der Kaserne an fühlte ich mich wie einer, der urplötzlich in eine wild gurgelnde, reißende Strömung geworfen wird und nichts tun kann, als verzweifelt und panisch zu versuchen, nicht unterzugehen.
Es gab keine Worte, die unseren Tagesablauf bestimmten, sondern nur noch Befehle, und diese wurden nicht gesprochen, sondern gebrüllt. Ein ununterbrochenes, infernalisches Unteroffiziersgebrüll beherrschte uns von 6 Uhr morgens bis zum Nachtruhebefehl 22 Uhr am Abend. Erfüllt von diesem Gebrüll waren die nach Bohnerwachs und Männerschweiß stinkenden Stuben, in denen wir zu acht schliefen, die langen, widerhallenden Kasernenflure und der riesige Exerzierplatz vor unserem Fenster, und dieses Gebrüll hatte einen ganz bestimmten Zweck. Es sollte uns Neue einschüchtern und uns von vornherein daran gewöhnen, daß wir ab sofort keine Menschen mehr sind, sondern Soldaten.
Jeden Augenblick in diesen Wochen fühlte ich auf meiner Haut die beißende Oberfläche dieses harten Stoffes, aus dem der Krieg gemacht wird.
Aber es kam noch schlimmer: Ein privater Brief an meine damalige Freundin, in dem ich meinen ganzen Ekel vor dem Alltag als „Wehrpflichtiger im ersten Diensthalbjahr“ wortreich ausgekotzt hatte, geriet durch dummes Pech auf den Schreibtisch des „Verbindungsoffiziers unserer NVA-Einheit zu den Organen der Staatssicherheit“.
Und so verdankte ich es nur einem wirklich glücklichen Zufall, daß ich daraufhin nicht in der berüchtigten Militärstrafanstalt Schwedt, sondern „nur“ im Kasernenknast landete. Später erfuhr ich, daß die Wache in meiner ersten Nacht in der Arrestzelle angewiesen war, alle 30 Minuten bei mir „Sichtkontrollen“ durchzuführen. Und wirklich hatte ich in diesen angstvollen Stunden ungewisser Verlassenheit darüber nachgedacht, mich vor den drohenden 12 Monaten in Schwedt durch Suizid zu „retten“.
Ich bekam also in diesen für mich beinahe tödlichen 18 Monaten eine ungefähre Vorstellung davon, wie Krieg sich anfühlen mag.
Und ich lernte, daß das Militär eine Institution ist, deren Handeln mit Vehemenz und Perfektion darauf abzielt, Menschen zu erniedrigen, zu mißbrauchen und auf jede erdenkliche Weise zu demütigen, um aus ihnen Monster zu machen. Innerlich zerbrochene Individuen, deren Bestimmung es ist, Mitmenschen zu ermorden oder, falls es auch ohne Morden geht, ihnen die Heimat, ihr Zuhause, ihr gesamtes Leben zu zerstören.
All dies habe ich bereits im jugendlichen Alter von 19 Jahren unfreiwillig, aber sehr gründlich erfahren!

Und nun, mehr als ein halbes Leben später, erlebe ich, daß die Regierung meines Heimatlandes im Begriff ist, sich von einer scheinbar irre gewordenen Journaille, einer gut getarnten Lobby ewiger Kriegstreiber und von den immer neuen, medial perfekt in Szene

gesetzten Waffenforderungen einer Regierung von selbst ernannten „Dienern des Volkes“ an den Rand eines finalen, atomaren Krieges treiben zu lassen!
Versuche einer, diesen Wahnwitz zu deuten!

Auch ohne Helmut Kohls Einheit in all ihren Erscheinungsformen gut zu finden, hatte ich in den vergangenen drei Jahrzehnten zu diesem, meinem vereinigten Deutschland ein grundlegendes Vertrauen. Es war für mich ein Deutschland, welches nicht vergaß, daß es einst seine Regierung, seine Armee und sein allzu willfähriges Volk war, welches das bisher schlimmste Morden der Menschheitsgeschichte zu verantworten hatte!

Deshalb – oh gute alte Zeit – gab es in meinem Land ein klares, wohl begründetes Gebot, in all die vielen Kriegsgebiete dieser Welt keine zerstörerischen Waffen zu liefern.
Ja, wir haben unsere Lektion der Geschichte gelernt, sagte dieses Gesetz.

Aber nun? Ich sehe, wie unsere PolitikerInnen in fotogen gestylten Kampfanzügen und mit Soldatenhelmen auf schick frisierten Köpfen dazu aufrufen, den bösartigen, grausamen Krieg dieses modernen Zaren gegen die „Diener des Volkes und Helden der Demokratie und der Menschenrechte“ mit immer mehr und mehr Waffen zu füttern. Ganz so, als ob diese Diener des Volkes tatsächlich Helden der Menschenrechte und das Ganze ein Computerspiel „Gut gegen Böse“ oder die 37. Fassung von „Terminator“ sei.

Es sind Menschen, die da auf beiden Seiten sterben, und es sind Heimatstädte, welche in Schutt und Asche versinken, möchte man ihnen zurufen.
Und „Freiheit oder Tod“, der Kriegsruf der ukrainischen Regierung ist zwar uralt, aber deshalb nicht weniger unsinnig:

Wenn alle tot sind, wer ist dann frei? Doch wohl nur die Überlebenden, also genau jene, welche am erfolgreichsten gemordet haben!

Nach einer langen Periode konservativer Regiertheit habe ich mich ehrlich über diese jüngere PolitikerInnengeneration gefreut. Ich glaubte, daß wenigstens einige Probleme der Menschheit bei diesen gut gebildeten, ausgeschlafenen und anscheinend denkbereiten, coolen Typen in recht guten Händen seien.
Aber nun verwandeln sich gerade diese coolen Typen zusehends in eine Art geklonter Jungkriegstreiber.
Ja, ja! Putin, der Wahnsinnige, Putin, der neue Hitler läßt uns doch keine Wahl, gellt es aus allen Ecken des Reichstages! Und ein Kanzler, der einfach nur versucht, in Ruhe nachzudenken, um in dieser brandgefährlichen Lage keine ganz schlimmen Fehler zu machen, wird von diesen Kaiser-Wilhelm-Followern zur blutigen Hatz getragen.

Aber damit nicht genug. Die gesamte deutsche Medienzunft scheint vor Begeisterung über die Schreckensbilder von Tod und Verderben geradezu aus dem Häuschen:
Bad news are good news – der Tod der Anderen ist ein nicht zu überbietender Bestseller, dagegen gehören all die Meldungen über Klimawandel, Spaltung der Gesellschaft, Gendergerechtigkeit und soziale Schieflage ins Schlafwagenabteil!

Redet nicht über Diplomatie oder Waffenstillstand, sondern laßt uns den Anschluß an diesen herrlichen Schlachtenboom nicht verlieren! Und all jene, welche vor Jahren mit Geduld und Diplomatie versucht hatten, die Regierungen einer gespaltenen Ukraine von der Bombardierung ihrer eigenen Landsleute abzubringen, werden plötzlich zu willfährigen Gefolgsleuten des Putin-Verbrechers gemacht. Geht es noch?

Und kein Mensch kommt auf die Idee, die exorbitante Summe von 100 Milliarden Euro als Preis für die Mitgliedschaft in der hochgerüsteten US-geführten Weltgendarmerie zu

verweigern. Die Liste des blutigen Scheiterns dieser terroristischen Organisation ist ebenso lang wie schrecklich. Aus dem Stegreif fallen mir nur die übelsten „Higlights“ ein: Iran, Vietnam, Cuba, Chile, Nicaragua, wieder Iran, Irak, Afghanistan...
Putins neues Zarenreich, wie agressiv auch immer, ist dagegen eine erbärmliche Stümpertruppe.

Soweit so schlecht.
Ich versuche weiter zu verstehen: Wie haben es die nette Annalena, der kluge Robert, der bodenständige Anton, die smarte Marie-Agnes und all die anderen braven Kinder des erfolgreichsten Wirtschaftswunderlandes der Welt geschafft, so schnell von Hoffnungsträgern zu ferngesteuerten Twitterschlachtenhelden und Instagramterminatoren zu mutieren?
Ich vermute es ist ganz einfach Unkenntnis.
Sie haben – zu ihrem Glück, möchte man meinen – nie gelernt, wie es ist, bis zum Hals in der Scheiße zu stecken! Sie haben nie erfahren, wie es sich anfühlt, BürgerIn eines armen, von Wirtschaftssanktionen eines kalten Krieges geknebelten Landes zu sein.
Oder gar schiere Angst davor haben zu müssen, gequält, erniedrigt, mißhandelt und schließlich im Namen irgendeiner Ideologie, Nation, oder was-auch-immer einfach in einen Krieg gezwungen zu werden.
Mein Onkel Hans hatte seine Lektion gelernt und sein Stück teuer bezahlter Lebensklugheit an mich weitergegeben:
In mein Haus kommt keine Waffe mehr!
Und meine Eltern, als sie erfuhren, daß ihr Jüngster wegen eines privaten Jammerbriefes vor den Militärstaatsanwalt der DDR gezerrt wurde, haben es damals bitter bereut, daß sie mich trotz eigener christlicher Gesinnung zum „Ehrendienst mit der Waffe“ überredet hatten.

Und was kann man nun den im Minutentakt Kriegsgedöns verbreitenden RedakteurInnen in ihren gut klimatisierten Redaktionsstuben zurufen?
Was den JungpolitikerInnen, deren kleines aber feines Westleben stets von Allianz und Alnatura begleitet, und von einer besorgten Mama und einem finanziell bestens abgesicherten Papa behütet wurde?

Wahrlich, ich sage Euch:

Noch ist es der Tod der Anderen, über den Ihr schwadroniert und regiert.
Aber wenn er dann plötzlich ZU UNS kommt, dann ist es auch unser Tod, und er wird dreckig, voll Feuer, Blut, Eiter und unbeschreiblichen Schmerzen sein.

Und danach? Dann sagt, schreibt und regiert Ihr gar nix mehr. Dann seid Ihr einfach tot.

Frieder W. Bergner im April 2022